Weisheit wohnt einen Stock tiefer

Ein Bombardement von Informationen auf vielen unterschiedlichen Kanälen, rasche Entscheidungen und permanente Innovationen verlangen uns viel ab. Meist fehlt die Ruhe, um einer Sache auf den Grund zu gehen. Die einen entscheiden daher gar nicht, die anderen häufig übereilt. Manchmal wäre es wesentlich effektiver, wir würden uns aus dem Alltag „heraus schneiden“, um diese fehlende Stille zu schaffen, die es erst ermöglicht, in uns zu gehen. Denn Weisheit wohnt ein Stock tiefer.

Einige Manager haben die Gunst der Stille längst entdeckt und tun dies ab und zu an einem ruhigen Ort ihrer Wahl. „Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Sicht darauf“, sagte der antike Philosoph Epiktet und daran hat sich bis heute nichts geändert. Ein hoher Anspruch. Die Perspektiven auf ein Problem oder eine Aufgabe umfassend zu erweitern, erfordert volle Konzentration und einen klaren Fokus.

Vor zwei Jahren erzählte mir ein Kunde, dass er drei Wochen in Indien in einem Ashram war und meditiert hat. Er war erstaunt über die Wirkung von Meditation, Konzentration und Fokus. Dieser Kunde ist ein erfolgreicher Geschäftsmann – der sich leicht einen Monat auf einer Luxus-Jacht leisten und die zuletzt auch noch kaufen könnte. Seine Bemerkung machte mich hellhörig. Warum ein Ashram?

Ich praktiziere keine Religion. Trotzdem zog es mich vor fünf Jahren in ein Kloster. Ich wollte mir Klarheit über eine wichtige Frage verschaffen. Ein Kloster ist eine ideale Umgebung, um den ständigen Lärm um uns auszuschalten. Seither gehe ich regelmässig mit Arbeitsgruppen, jedes Mal mit erstaunlichem Resultat. Die Kombination aus Stille und schlichter Schönheit entschleunigt und inspiriert zugleich. Es ist in jedem Fall eine Begegnung einer anderen Art, mit sich selbst und im Team – mental und emotional. Es ist ein kurzes Aussteigen aus dem ständigen Bombardement. Die Leitungen nach aussen sind abgeschnitten, hingegen werden die nach Innen aktiviert. Ein Ort, wo sich der Smog zurückzieht und klare Antworten auf komplexe Fragen ihren Weg in das Bewusstsein suchen.

Was ist das Geheimniss der Stille? Eine Erklärung dafür finden wir in der Neurobiologie. Hier geht man davon aus, dass nur ein Tausendstel unserer Hirnkapazität für die Sinneswahrnehmung genutzt wird. Der Rest kümmert sich um die Verarbeitung und die Verwaltung der Informationen und ein Grossteil davon geschieht unbewusst. Dieser Tausendstel stiehlt sich jedoch fast unsere ganze Aufmerksamkeit. Oben drauf wird das meiste, was unsere Sinne wahrnehmen, umgehend über Bord geworfen, weil die Input-Kapazität biologisch beschränkt ist. Wir können nur sieben Informationen gleichzeitig aufnehmen. Alles andere stürmt an uns vorbei. Einiges verliert sich im Unbewussten und ist zwar vorhanden aber nicht greifbar und anderes überflutet uns unnötig – wie zum Beispiel Angst und Wut aber auch Euphorie.

Im Unbewussten unterscheidet man wiederum zwischen abgedunkelten Kammern (Vorbewusstsein) und dunkeln Kammern (Unterbewusstsein). In die dunkeln Kammern kommen wir nicht so ohne weiteres hinein. Hingegen finden wir in den abgedunkelten Kammern Einsichten und Erkenntnisse, die das Leben und unsere Aufgaben durchaus befruchten können. Nur – wie kommen wir dahin?

Inspiriert von den Bedürfnissen meiner Kunden im Bereich Leadership Development, meinen persönlichen, einschlägigen Erfahrungen sowie Fachliteratur der Neurobiologie habe ich eine Retreat-Struktur für Führungskräfte entwickelt. Ziel des Retreats ist, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren und im wellenartigen Rhytmus zwischen Entspannung und intellektueller Auseinandersetzung alle Perspektiven zu ergründen um daraus fundierte Antworten auf die gestellten Fragen zu entwickeln.

Kürzlich hatte ich das Mandat, mit dem Management Team einer Transportfirma die unternehmerische Mission und die Vision zu überdenken. Der CEO gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass er schon einiges an „Herzblut“ investiert hatte und er kaum von seinen Vorstellungen abzubringen wäre. Was wir jedoch letztlich entwickelt hatten, war doch eine wesentlich andere Botschaft. Darüber hinaus entstand ein umfassendes Programm für die Einführung der Wertebotschaften über alle Hierarchiestufen hinweg. Was wir in wenigen Stunden erarbeitet hatten, dauert in einigen Firmen oft Monate.

Ein anderes Team war sich über eine strategische Frage nicht einig und verlor durch das Ziehen und Zerren über Monate viel Substanz. Die bisherigen Bemühungen einer sachlichen Mediation griffen nicht. Meine Aufgabe war es, das Team auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Wir kamen nicht darum herum, uns mit den individuellen Werten und Motiven auseinander zu setzen. Auf dieser Ebene gelang es, das Eis zu schmelzen. Am Schluss des Prozesses war sich das Team einig. Monatelanges Ringen fand hier ein positives Ende. Der Konflikt kann durchaus auch ein Sprungbrett für einen neuen Anfang sein.

Ein Retreat ist für unseren ständig überfluteten Verstand ein Geschenk. Aber nicht nur das, er ist auch eine Plattform für effektive Reflektion und das Erarbeiten von fundierten Ergebnissen. Aus der Ruhe heraus liegt es nahe, festgefahrene Perspektiven loszulassen oder mit zusätzlichen Perspektiven zu ergänzen, um letztendlich fundierte Antworten zu finden. Ziel eines Business-Retreat ist, in kurzer und konzentrierter Zeit eine gereifte Antwort auf eine komplexe Fragestellung zu erarbeiten und den Teilnehmern alltagstaugliche Techniken zu vermitteln, die es jederzeit erlauben, dem Gehirn auch in der Folge des Retreats jederzeit eine kurze Auszeit zu gönnen.

Warum in die Ferne schweifen, wenn es doch so nahe liegt. Die Schweiz hat wunderbare Klöster, die längst die Tore für Menschen geöffnet haben, die wertorientiertes Denken und Handeln pflegen und die tiefgründige Auseinandersetzung mit sich und anderen suchen. Eines davon ist oberhalb Lugano – ein Ort der uns willkommen heisst und erlaubt, die Workshops in den wunderschönen, warmen Räumen zu moderieren. Ein Angebot, welches durch schlichte Schönheit und absolute Stille brilliert und gerade deshalb Ressourcen mobilisiert, zu denen wir den Zugang weitgehend verloren haben. Denn – wie schon gesagt – Weisheit wohnt einen Stock tiefer.

 

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